Keine Rede von Ruhestand!
Ein Polizist auf der Jagd nach einem Mörder - und eigenen Obsessionen: Frei nach Friedrich Dürrenmatts Roman "Das Versprechen" liefert US-Superstar Jack Nicholson in Sean Penns gleichnamigem Film ein großes Altersporträt. Patrick Roth sprach mit ihm.
Standard: So ein gelungener Independent-Film wie Das Versprechen - bekommen Sie da nicht Lust, selbst wieder Regie zu führen, wie zuletzt beim Sequel zu Polanskis Chinatown - The Two Jakes?
Nicholson: Wissen Sie, manchmal glaube ich, meine Karriere versteht nichts von mir (lacht). Das ist das Komische. Ich würde jederzeit - und wirklich gerne - wieder inszenieren. Aber die Zeit dafür musst du dir selbst besorgen. Du musst dich der Sache widmen und sie hundertprozentig verfolgen. Und eben das hab' ich seit Jahren nicht mehr getan.
Komisch, wie sicher ich mir war, am Ende meiner Karriere auf zehn selbst inszenierte Filme zurückblicken zu können. Heute würde ich von einem Wunder sprechen, wenn's noch ein-, zweimal klappt. Dazu kommt: Man will meist Schauspielarbeiten von mir, keine Regie. Auch da ist etwas Komisches im Gange, wenn ich mir die Drehbücher ansehe, die mir angeboten werden. In letzter Zeit sieht man mich immer wieder als "Pensionär". Ein Wink mit dem Zaunpfahl, oder wie soll ich das verstehen? Aber mir geht's wie dem Polizisten, den ich in Das Versprechen spiele. Der feiert gerade Abschied, als man draußen im Schnee eine Leiche findet . . .
STANDARD: Sie arbeiten scheinbar gerne mit Sean Penn. Nach The Crossing Guard ist das Ihr zweiter Film unter seiner Regie. Inwieweit waren Sie an den Vorarbeiten beteiligt?
Nicholson: Sean und ich sind alte Freunde, wie Sie wissen. Er und Tim Hutton klopften eines Tages bei mir an und wollten meinen Rat, weil sie mit einem Regisseur, den ich kannte, nicht klarkamen. Seither sprechen wir sehr offen über alles - nicht nur übers aktuelle Projekt oder Filme im Allgemeinen. Wir haben die längeren Gespräche also schon hinter uns, wenn wir auf dem Set stehen. Da genügen dann knappe Anweisungen, ein paar Worte.
Mir fiel beim Beginn der Arbeit gleich auf, wie sehr sich Sean als Regisseur entwickelt hat. Nichts kann ihn aus der Ruhe bringen. Er ist wirklich der "Captain". Die Selbstsicherheit teilt sich auch der Crew mit. Es waren wirklich anstrengende Dreharbeiten in Kanada - ich habe mit meinem Auto über 7000 Meilen zurückgelegt, die diversen Drehorte abzugrasen. Das Wetter war unbeständig, es hätte jede Menge schief gehen können. Aber Sean hatte bis zum Schluss alles im Griff.
STANDARD: Das Drehbuch ist sehr gut. Die Autoren Jerzy und Mary Olson-Kromolowski lassen das Ende von Dürrenmatts Vorlage Das Versprechen fallen. Und der Transfer der Geschichte und Charaktere in eine Kleinstadt irgendwo in Nevada gelingt.
Nicholson: Als Sean damals mit dem Dürrenmatt-Buch zu mir kam, es verfilmen wollte, dachte ich: Daraus wird nichts, das ist kein Film. Aber Sean arbeitete weiter an dem Projekt, mit enormer Geduld, ließ das Drehbuch schreiben und kam dann wieder zu mir.
STANDARD: Es gibt da eine entscheidende Szene im Film: Sie sitzen bei einer Psychologin (Helen Mirren) im Zimmer und haben eine Zeichnung mitgebracht, auf der das Opfer, ein kleines Mädchen, den vermutlichen Mörder als "Riesen" gemalt hat. "Nach wem muss ich suchen?", fragen Sie und halten ihr die Zeichnung hin. Und Mirren dreht die Frage um: "Warum glauben Sie, dass ich darauf antworten könnte?" Man denkt: Nicholson könnte der Mörder sein. Haben Sie und Penn diese Möglichkeit bewusst berücksichtigt?
Nicholson: Als ich das Drehbuch las, kam mir auch dieser Gedanke. Jedenfalls meinte ich, dass dieses alte Muster im Spiel sein könnte: Der Polizist ist der Killer. Ich bin entzückt, dass das offensichtlich rüberkommt. Ich sprach damals mit Sean darüber und bat ihn, diese Möglichkeit nie aus dem Auge zu lassen. Das Buch ist ja eigentlich kein Thriller, aber wir wollten dem ganzen doch eine Thriller-Atmosphäre geben - eben ohne auf die Intensität und die Entwicklung dieser Figuren zu verzichten. Der Cop könnte der Killer sein, der Sucher sein eigenes Verbrecher aufdecken wollen. Wir dachten, dass es den Suspense des Films steigert, diese Möglichkeit offen zu lassen.
STANDARD: Der Verdacht, dass sich hier ein Schizophrener durch ein Versprechen gebunden haben könnte, "gebunden" nämlich, sich selbst, diesen "anderen", zu finden und auszuliefern - er wird öfters angespielt. Zum Beispiel sieht man Sie während der Abschiedsfeier zu Anfang des Films ganz im Vordergrund, aber unscharf - als würde der Held an der Party selbst nicht mehr teilnehmen, weil er weiß, was jeden Moment entdeckt werden wird . . .
Nicholson: . . . und weiß, dass er dann sofort einschreiten muss. Ich komme ja dann auch gleich dazu und mische mich in den Fall ein. Der Pensionär drängt sich auf. Aber Seans Entscheidung, die Kamera in diesem Fall nicht auf mich, die Hauptperson im Vordergrund, fokussieren zu lassen, sollte auch den Eindruck vermitteln, dass ich mich quasi schon "auflöse", an Leben verliere, während das Leben um mich herum weitergeht. Auch darüber hatten wir vorher gesprochen.
STANDARD: Wenn Sie Das Versprechen nun mit anderen Studiofilmen vergleichen . . .
Nicholson: Da gibt's keinen Vergleich. Sean und mir geht es hier nicht primär um Kasse. Ich kann mir das leisten. Das ist kein 400-Millionen-Dollar-Film. Warum? Weil er total unberechenbar ist. Man weiß nicht, wohin der Plot sich entwickelt. Er richtet sich nach keiner "Formel".
Friedrich Dürrenmatt ging es um die Menschen. Auch Sean und mir kommt es in diesem Film auf die Charaktere, auf das Menschliche an. Das meiste, was man heute auf der großen Leinwand zu sehen bekommt, ist doch Blue- Screen-Arbeit. Special-Effects-Hascherei. Die Schauspieler "arbeiten" vor einem Trickhintergrund, man hilft ihnen digital auf die Sprünge. Mich interessiert das überhaupt nicht mehr. Warum mache ich das noch? Meine Arbeit soll etwas über den Menschen sagen.
STANDARD: Sie haben, was Ihr Handwerk angeht, ganz unten angefangen. In kleinen und kleinsten Nebenrollen, etwa bei Roger Corman.
Nicholson: (Lacht) Ich habe die miesesten Kritiken bekommen. Ich erinnere mich an eine Kritikerin, die mich in Cormans The Terror (1963) gesehen hatte. "Äußerst hölzern", schrieb sie. Ich schrieb ihr zurück - den einzigen Brief, den ich je an einen Kritiker gerichtet habe: "So hölzern wie Charlton Heston?"
STANDARD: Sie deuteten es bereits an: In Ihrem nächsten Film spielen Sie wieder einen älteren Mann im Ruhestand.
Nicholson: Man hat mich für die Verfilmung von Louis Begleys Roman About Schmidt angeheuert. Mir gefiel das Buch ausgesprochen. Und der Regisseur Alexander Payne ist noch jung - es ist also wie bei Sean, hoffe ich: eine interessante Konstellation.
© DER STANDARD, 16. Oktober 2001
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