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Film
Wenn das Blut die Wände hochrinnt

"Memento", ein Thriller im Rückwärtsgang: Sein Regisseur nimmt sich im Grenzgebiet von Genre-Innovation und tieferem Anspruch unterhaltsam zuviel vor.

VON CHRISTOPH HUBER

Ein primordialer Moment der Kinematographie, 1896, noch im Jahr ihrer Veröffentlichung: Démolition d'un mur, ein Lumière-Film, der die Zerstörung einer Mauer zeigt, wird rückwärts abgespielt - und wie von Zauberhand ersteht das Bauwerk neu, umgibt das noch geisterhafte Phänomen des neuen Mediums mit zusätzlichem phantastischen Glanz.

105 Jahre später arbeitet sich das Kino noch immer an der Magie der zeitlichen Manipulation ab, geplagt durch eine Welt, die deutlich komplizierter geworden zu sein scheint: In Memento, Christopher Nolans zweitem Film (wie sein erster, Following, ist er als Gedankenspiel aufregender als in seiner Ausführung), hat der Held sein Kurzzeitgedächtnis verloren. Lenny (Guy Pearce) erinnert sich an die Vergangenheit bis zur Ermordung seiner Frau - was danach geschah, kann er nur im Moment des Zu-sich-Kommens mit Hilfe von Aufzeichnungsmitteln rekonstruieren: eilig angefertigte Polaroids von neuen (oder: nicht mehr bekannten) Gesichtern, hastig mit Notizen bekritzelt, am eigenen Körper festgeklebte Zettel mit Anweisungen, Tätowierungen überall. In Spiegelschrift prangt ein Satz am Brustkorb: "John G. raped and murdered your wife."

Memento erzählt die Suche des Helden nach dem Mörder seiner Frau im Rückwärtsgang, die Eröffnungsszene eine Variante des Lumière-Films: Blut rinnt die Wände hinauf, eine Kugel wandert aus dem Opfer wieder in den Pistolenlauf, ein Polaroidphoto der Tat verblaßt und schiebt sich zurück in die Kamera. Nolan betreibt die Umkehr eines klassischen Noir-Motivs: Die Vergangenheit ist klar, die Gegenwart wird endgültig unverständlich.

Memento ist strukturiert in zehnminütige Blöcke, die immer weiter ins Vorher führen, ein Verfahren, das nicht nur die Desorientierung des Helden nachvollziehbar macht, sondern auch eine Art verschobene Suspense produziert. Am Anfang steht die vollstreckte Rache, aber ihre Rechtfertigung wird mit Fortlauf des Films zunehmend heikler: Ist der zwielichtige Polizist Teddy (Joe Pantoliano) wirklich der Schuldige? Im Gegensatz zu Lenny, der damit beschäftigt ist, sich zu orientieren (einmal findet er sich in einer Verfolgung wieder und weiß nicht: Ist er Jäger oder Gejagter?), akkumuliert der Zuseher mit dem Fortschreiten in die Vergangenheit Wissen, das letztlich keinen Mehrwert bedeutet - Memento, darin ein Film zur Zeit, arbeitet clever (und auch ein wenig glatt) auf die Auslöschung der Paradoxien hin, die seinen Subtext ausmachen: Die "Wahrheit" ist endgültig subjektiv geworden.

Das Ende, nur scheinbar die Auflösung, wirft folglich neue Fragen auf: Memento könnte so unendlich lange weitergehen, ohne an Reichtum zu gewinnen. Die Protagonisten (etwa: Carrie-Anne Moss) sind bloße Konstrukte des Plots, dessen Innovativität sich auf eine neue Form erzählerischer Interaktivität beschränkt - der Zuseher kann es sich kaum noch leisten, nicht mitzudenken. Selbstreflexivität immerhin kann man dem Werk nicht absprechen: Nolan nennt es ironisch einen Film für die DVD-Generation (am Gerät könnte man die Sequenzen in die "richtige" Reihenfolge bringen). Der Sensation des Lumière-Films weiß Memento nur ironische Genre-Brechung und selbstgefällige philosophische Kraftmeierei hinzuzufügen. Dafür ist Nolans Film auch 117mal so lang.

10.11.2001 Quelle: Print-Presse