"Memento"
Reset. Dieses leidige Computer-Vokabel besagt: Nullstellen; rücksetzen. Nach einem Reset sind alle Daten gelöscht; wird alles auf den Urzustand zurückgefahren.
Und jetzt muss man sich ein menschliches Gedächtnis vorstellen, das diesen Zustand circa alle zehn Minuten automatisch herbeiführt. Ein Gehirn, das nichts halten kann, was ihm neu eingespeichert wurde. Erfahrungen, wie gewonnen, so zerronnen.
Das seltene, aber real existierende, traumatisierende Phänomen liefert die Vorlage für diesen genial Fallen stellenden Thriller. Der zwingt seinem Publikum zwecks atemberaubender Verunsicherung ein krankes Bewusstsein auf. Verspricht ultimative Schocks und quälende Spannungsfolter am Rande des Wahnsinns – und hält dies auch.
Leonard Shelby muss mit der Katastrophe der sich immer wiederkehrend löschenden Erinnerung leben, seit ein unbekannter Täter seine Frau vergewaltigt, ermordet und ihn selbst niedergeschlagen hat. Alles, was vor dieser tragischen Trendwende seines Lebens geschah, ist in seinem intakten Langzeitgedächtnis durchaus verfügbar und verlässlich. Trügerisch nur die ständig sich wieder verflüchtigenden Eindrücke der Gegenwart.
Ärzte kennen das Phänomen auch von Alzheimer-Kranken, die vor ihrem eigenen, feindlich fremd gewordenen Spiegelbild zurückschrecken, weil sie sich selber nicht mehr erkennen – aber dennoch können sie ohne Schwierigkeiten Auto fahren.
Auch Shelby fährt souverän Auto – sogar ein nagelneues Jaguar-Cabrio. In den Taschen seines Designer-Anzugs stecken Bündel voller Geld. Was ihn freilich überhaupt nicht kümmert, denn sein ist die Rache. Den Mörder seiner Frau zu finden und zu töten: Das ist Leonards von ihm selbst auferlegte einzige Lebensaufgabe. Eine geistige Sisyphusarbeit.
Leonard kann Freund und Feind nicht unterscheiden, Lüge nicht von Wahrheit. Trifft er jemanden, wühlt er rasch in seinen Taschen nach Polaroids. Die fertigt er von jeder neuen Bekanntschaft an, ergänzt das Bild mit Notizen. Etwa: „Glaub seinen Lügen nicht“ Oder: „Sie wird dir helfen – aus Mitleid“.
Die Wände des schäbigen Hotelzimmers, in dem Leonard Shelby haust, sind mit Post-its gepflastert. Zum immer neuen Einspeichern der jüngsten Daten nach jedem Reset. Und die allerwichtigsten Eckdaten hat er sich gleich auf den Leib tätowieren lassen. Ein bleibendes Gedächtnis aus Stichen, Farbe und Blut.
Formal fesselt der Film als meisterliche Komposition, geniales Puzzle. Der Zuschauer und der Held haben über lange Strecken den identischen Bewusstseins- und Wissensstand. Episodenhaft springt die Story vor und zurück, meist zurück. Beginnt mit dem letzten Kapitel, in dem Shelby den Täter regelrecht hinrichtet. Aber haben ihn seine Polaroids, Post-its und Tätowierungen betrogen? Der Zuschauer sieht sich in die sprunghafte Erzählweise ein, aber noch bevor er alles einsieht, vielleicht sogar eine Einsicht zu haben glaubt in den Fall, schaut er auch schon wieder ein.
Für Shelby gibt’s ein Happy End – er wird den Fluch seiner Vergangenheit los. Für das Publikum hingegen stürzt eine Welt ein. Gutgläubig ist eben oft nur schlecht gewusst.
Rudolf John
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