Die Presse > BACK - CINEPHREAK 

Film
Die Spezialeinheit in der Bergfestung, im Kampf gegen den Terror

"Lord of the Rings" liefert, ab kommenden Freitag auch bei uns im Kino, todsicheres globales Entertainment: ein digital verschärftes Fantasy- und Pathos-Spektakel zwischen Krieg und Folklore, ein dreistündiges Heldenepos mit einer Unmenge aufgeklebter Bär

VON STEFAN GRISSEMANN

Eine Spezialeinheit in der Fremde, unter Tag, unterwegs durch ein unüberschaubares, weitverzweigtes Höhlensystem, in dem der Terror daheim ist: Soll noch einer sagen, daß die Phantasien der US-Filmindustrie und die kriegerische Wirklichkeit der Welt miteinander nichts zu tun haben. (Außerdem: Tora Bora, klingt das nicht auch wie eins der Hirngespinste des J. R. R. Tolkien?)

Die neun Gefährten jenes Abenteuers, das unter dem Titel Lord of the Rings firmiert, dringen im nunmehr weltweit vorliegenden ersten Teils der Filmadaption in eine Bergfestung vor, in der das Böse lauert, das nichts will als die unüberbietbare Macht, die - in Form eines goldenen Ringes - im Besitz eines arglosen Jungen namens Frodo Baggins ist, der, kaum größer als einen Meter, der Spezies der Hobbits zuzurechnen ist. Der Ring macht unbesiegbar, bringt aber zugleich auch das jeweils Schlechteste in seinem Träger zum Vorschein, in den meisten also: Gier, Bosheit, den Willen zur Macht.

Lord of the Rings: The Fellowship of the Ring lautet der offizielle Titel des ersten der drei Bücher John Ronald Reuel Tolkiens: Der Neuseeländer Peter Jackson, an sich kein übler Regisseur, wie etwa die Splatter-Groteske Braindead (1992) oder das märchenhafte Mörderdrama Heavenly Creatures (1994) beweisen, legt dieser Tage, strategisch günstig zur Weihnachtszeit, Episode eins seiner dreiteiligen Verfilmung des Tolkien-Epos vor.

Macht korrumpiert: Um diese eher triviale Erkenntnis dreht sich Lord of the Rings bekanntlich, und man nimmt, nicht ohne Trauer um einen einst vielversprechenden Filmemacher, zur Kenntnis, daß dessen Inszenierung selbst die Moral der Erzählung Tolkiens (ungewollt) reflektiert; die subversive Ironie, die Jacksons Werk oft ausgezeichnet hat, verdreht sich nun in ihr blankes Gegenteil: Als Spielleiter und Co-Produzent des monumental budgetierten Lord of the Rings, gewinnbeteiligt sozusagen, erweist sich Jackson hier als ein Diener der brachial-konservativen Subtexte des Drehbuchs, als ein Musterschüler des Pathos, dessen brave Rezitation der alten Werte von Ehre, Treue, Freundschaft im Kampfbündnis seiner Helden Töne und Bilder annimmt, die man von diesem Regisseur nicht erwartet hätte.

Die Mission, die die achtköpfige Spezialeinheit um Frodo (meeresblauäugig: Elijah Wood) vor sich hat, sieht die endgültige Vernichtung des Rings vor, der der Welt nur Schlechtes bringen kann. Unter Frodos illustren Reisebegleitern: Zauberer Gandalf (Ian McKellen) und der charismatische Krieger Aragorn (Viggo Mortensen).

Es ist nicht so, daß Jackson gar nichts gelänge: Kurze set pieces wie die atavistische, digitalisierte Massenschlacht ganz am Anfang des Films oder der tentakelschwingende Angriff eines gigantischen Octopus vor einem Höhleneingang erfreuen zwischendurch, in aller Bescheidenheit, die Sinne - und die creature effects sind bisweilen exquisit; aber die wenigen visuell interessanten Passagen dieses Films können darüber nicht hinwegtäuschen, daß Jackson viele seiner Kampfsequenzen überraschend dumpf arrangiert hat - und daß gerade die bukolische, verkitscht-folkloristische erste Stunde dieses Abenteuers alles andere als abenteuerlich, nämlich: schlicht langweilig aussieht.

Der wiederkehrende Einbruch des Bösen in die gute, heitere Welt der Gefährten hält das Interesse immerhin wach: mit bestialischen Gesichtern und finsteren Sakralbauten (einen davon bewohnt der maliziöse Saruman, dargestellt mit schlohweißer Metal-Perücke vom großen alten Christopher Lee). Es gehört zu den Schwächen Jacksons, daß er dem Guten den Vorzug über das Schurkische gibt, obwohl er, wie man sieht, sehr genau weiß, daß letzteres unvergleichlich photogener ist als ersteres.

Nichts an diesem Film macht einen nervöser als die Musik: Der gemütliche Soundtrack, den New-Age-Säuslerin Enya und Routinier Howard Shore eingespielt haben, erfüllt im Bereich der gefühlvollen, "evokativen" Hollywood-Untermalung jedes denkbare Anforderungsprofil, und es ist, man muß es leider sagen, ein bißchen viel verlangt, soviel Überwältigungsmusik, breitgetreten auf 178 Minuten, ertragen zu müssen.

Was Jackson versucht hat, ist auf halbem Weg gescheitert. Zur Achterbahnfahrt hätte sein Lord of the Rings werden sollen, aber dem Erlebnis einer für Kinder geeigneten Hochschaubahn sieht das Ergebnis eher ähnlich: ein fast durchwegs beschauliches Werk, künstlich, soweit die Computerprogramme reichen, esoterisch bis zur Schmerzgrenze und heroisch wie das Nibelungenlied. Die Filmteile zwei und drei, längst abgedreht, aber fällig erst Weihnachten 2002 und 2003, wird man nun jedenfalls gut erwarten können.

15.12.2001 Quelle: Print-Presse