Nur die Liebe zählt - bis in alle Ewigkeit?
Mit "Artificial Intelligence" legt Regie-Superstar Steven Spielberg frei nach einer Idee von Stanley Kubrick seinen bis dato schwärzesten und ganz gewiss interessantesten Film vor.
Claus Philipp
Wien - Im Kino kommt es immer noch schlimmer. Am Ende von Steven Spielbergs neuem Film ist das Manhattan des 22. Jahrhunderts nach dem Schmelzen der Polkappen völlig vom Meer überflutet. Dass aber zumindest die Türme des World Trade Centers noch aus dem Meer ragen, ist auf unfreiwillige Weise ein weiterer Beleg für ein Unvermögen, das Artificial Intelligence immer wieder thematisiert: Die Menschen können nur schwer davon absehen, dass etwas, das sie kreiert haben, nicht Bestand hat. Im Gegenteil: Es soll immer alles so bleiben, wie es ist. Und das immer besser. Das bewirkt dann paradoxerweise der so genannte "Fortschritt".
Während schon erste Bilder des Films heftigen Wellengang zeigen, huldigt ein Team von Forschern der Vision vom automatischen, voll auf Liebe programmierten "Megakind". Und weil dieser kleine Roboter (Haley Joel Osment) wirklich "mega" ist, wirkt er von Beginn an megaunheimlich. Ein Ehepaar hat ihn "adoptiert", dessen wirklicher Sohn im Koma liegt. Es ist sofort klar, dass der Ersatz problematisch ist: Legt man "David" ins Bett, dann ist das bestenfalls ein ritualisierter Selbstzweck, denn "David" braucht keinen Schlaf. Sitzt man mit "David" am Mittagstisch, dann ergibt das bestenfalls eine belustigende Pantomime, denn David darf keine Nahrung zu sich nehmen. Und wenn man David einmal verärgert in den Kleiderschrank wegsperrt, dann lächelt er nachher immer noch: "Is this a game?"
Von Beginn an kreiert Steven Spielberg so einen Horrorfilm in Honigfarben und zu schmeichelnd märchenhafter Musik. Artificial Intelligence erzählt ja auch, frei nach Carlo Collodis Pinocchio, ein Märchen. Und wie alle Märchen handelt er von einem grauenhaften Verlust: Auch "David" wird also irgendwann einmal wortwörtlich im Wald ausgesetzt. Wie Collodis Holzbengel, über den man ihm vorgelesen hat, macht er sich auf die Suche nach jener "Blauen Fee", die ihn "echt" machen kann. Und wie Pinocchio wird darüber auch Artificial Intelligence zu einem Stationendrama, bis "David" - ähnlich wie Sigourney Weaver in Alien 4 - sich selbst in hundertfacher Replikation begegnet. Anders als Pinocchio stürzt er sich ins Meer, um seinem "Vater", einem Hightech-Wissenschafter (William Hurt), zu entgehen. Und das ist erst der Anfang vom Ende in diesem Film, der irgendwann einmal über endlosen Eiswüsten mit dem Insert "2000 Jahre später . . ." aufwartet.
Superspielzeug ohne Trost
In Artificial Intelligence (kurz: A.I.) kommt es immer noch schlimmer. Für einen Film von Steven Spielberg, der für seine Helden bis dato kaum jemals um Trost verlegen war, ist dies durchaus erstaunlich - auch wenn heute jedermann bereits weiß, dass die Idee zu dieser Eskapade von Stanley Kubrick stammt: Auf der Basis einer Sci-Fi-Kurzgeschichte von Brian Aldiss (Supertoys Last All Summer Long) hatte Kubrick jahrzehntelang an Zukunftsszenarios gearbeitet, war lange Zeit am Mangel an geeigneten Tricktechniken gescheitert und hatte schließlich Spielberg "beerbt". Dem wird nun seinerseits vorgeworfen, er habe mit A.I. keinen Kubrick-Nachlass abgeliefert.
Diese Verweigerung ist aber schon im Vorspann Programm: "Written and directed by Steven Spielberg". Das war zuletzt bei Unheimliche Begegnung der dritten Art der Fall. Und in gewisser Hinsicht ist Artificial Intelligence eine Art von Aufarbeitung all dessen geworden, was Spielberg seither als Regisseur, Produzent und selbst ernanntes "ewiges Kind" unternommen hat. Man kann den Film als Kommentar lesen zur digitalen Revolution Hollywoods, die Spielberg gemeinsam mit George Lucas wie kein anderer vorantrieb.
Man kann ihn auch als finsteres Schlusskapitel zu einer manischen Auseinandersetzung mit dem Erbe Walt Disneys lesen: Die Piratenklamotte Hook als Sequel zu Peter Pan war jedenfalls ungleich unbefriedigender als die jetzt vorliegenden Rekurse auf Disneys Pinocchio, der in A.I. in einem Themenpark am Grunde des Meeres begraben liegt.
Man könnte Spielberg aber auch unterstellen, dass er nun erstmals seine getrieben nach Heil suchenden Helden - von E.T. über den ewigen Buben Indiana Jones bis herauf zu Schindlers Liste - als "programmiert" decouvriert. Als Reißbrettfiguren, die kalt und übermenschlich, gleichzeitig perfekt das Identifikationsbedürfnis der Massen bedienten wie jetzt "David" die Beschützerfantasien seiner Umgebung. Er ist programmiert auf Liebe, die anderen wiederum sind konditioniert auf Kindchen- und Kinderschemata. Kein Wunder, dass ein Film, der diese Mechanismen unverhohlen darstellt, im konventionellen Sommerkino floppen musste - auch wenn er als "neuer Spielberg" praktisch als programmierter Megahit gehandelt wurde.
Dabei ist Artificial Intelligence bei allem Grauen, das einen immer wieder beschleicht, der bis dato bei weitem reichste und tiefgründigste Film des Star-Regisseurs. Das anfängliche "falsche" Familienidyll, das in seinem Seventies-Look an Ang Lees The Icestorm erinnert; Momente der Einsamkeit, die auf einer futuristischen Roboter-Müllhalde an George Romeros Night of the Living Dead erinnern; ein Stadion für automatische Gladiatoren schließlich, für dessen Endzeitstimmung John Carpenters Klapperschlange Pate gestanden haben könnte; dazwischen ein automatischer Teddybär unter einem Riesenmond, als würde der Zauberer von Oz unter pervers veränderten Vorzeichen neu auferstehen - man ist immer wieder perplex und gebannt in dieser eskapistischen Tour de force.
Und wo landet man am Ende, wenn man endlich begriffen hat, dass Spielberg sich von Kubrick lediglich inspirieren ließ, ihm aber Tribut zollt? Nirgendwo anders als im Ab-
grund, in The Abyss. Bei James Cameron. Wie in dessen Unterwasserdrama trifft auch hier der Held auf Außerirdische. Und wie in The Abyss ist der pervers selbstbewusste Gestus, alles sichtbar zu machen, zutiefst verunsichernd.
Hier bekennen sich die Bilder dann endgültig zu ihrer Gemachtheit, Extraterrestrier bewegen sich irgendwo zwischen Freund Hein und Giacometti, und das Programm "Heilsfindung" geht gnadenlos seinen Gang. Ein kleiner Roboter sagt - und zwar "2000 Jahre später . . .": "Ich will meine Mami wiederhaben. Und sei es auch nur für einen Tag." Das Erwachen, das darauf folgt, ist süßlich, furcht- und ekelerregend zugleich. Als würde jemand den Einsturz des World Trade Centers mit Brian Wilsons krankem, strahlendem Beach-Boys-Song God Only Knows unterlegen. Kurz: Nach dem Kinobesuch sagt man nicht: "Dieser Film ist super." Sondern: "Super. Dieser Film ist." Jetzt im Kino
© DER STANDARD, 15./16. September 2001
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