Künstliche Intelligenz - A.I.
Wenn uns das Handy ruft, kommen wir gerannt. Werden wir es auch liebevoll trösten, wenn es bald einmal weinen können wird?
Es geht in dieser Geschichte einer Pseudokindesweglegung weniger um künstliche Intelligenz als um synthetische Gefühle; vor allem um
künstlich hervorgerufene - Simulationen, die bei uns Lachen, Weinen, Angst, Freude auszulösen vermögen.
Das war immer schon auch Aufgabe des Kinos; und des Theaters, der Literatur, aller Puppen . . .
Puppe: Das zweite Stichwort. Denn beim Roboter in Menschenkindsgestalt, den ein Ehepaar einer entfernten Zukunft zum Trost für sein
Komakind erhält, handelt es um nichts anderes als eine Puppe. Beseelt, aber Puppe. Programmiert, Liebe zu empfinden und zu geben,
dennoch Puppe.
Dass man diese entscheidende Einschränkung vergisst und um diese Puppe bangt, zu ihr hält, sich mit ihr identifiziert, als wäre sie das,
nach dem sie aussieht - ein kleiner Bub: Dies ist Clou des ehrgeizigen Dramas. Gleichzeitig seine Schwäche. Denn dazwischen fällt
einem zu oft ein: Puppe. Oder gar: Handy.
Bildoper und Trickzirkus täuschen nicht darüber hinweg, dass der ganze raffinierte Plot innerlich so künstlich ist wie sein Held. Das
Kindchenschema als Falle einer Artificial Tragedy.
Zwei Kinogiganten haben an ihr gebastelt. Aufwühlender Anfang und mystisches Ende, Copyright by Stanley Kubrick; dazwischen tobte
sich der kongeniale Steven Spielberg aus. Der besessenste, genialste und der erfolgreichste Filmschöpfer des neueren Kinos waren
über Jahre befreundet, verabredeten Zusammenarbeit; das 145-Minuten-Spektakel Produkt gegenseitiger Befruchtung. Der jüngere
Spielberg wollte dem zwischenzeitlich verstorbenen Kubrick wohl ein Denkmal setzen. Das sieht aber wie der - wenn auch in
Kolossalität gegossene - Bastard von "Blade Runner" und "Schneewittchen" aus.
Spielberg erweist sich als Märchentante vordergründiger Effekte. Leuchtfarbene Tünche auf hintergründiger Problematik. Leichte Ab-
statt Tiefschürfungen. Ethik mit Lampionbeleuchtung.
Die Tragödie eines ungestillten Bedürfnissprogramms in unterschiedlich temperierten Akten.
Erster Akt: Der Schmerz von Eltern angesichts ihres komatösen Kindes. Dann wird Roboter David sozusagen adoptiert, gewinnt nach
erster Ablehnung Mamis Herz, sie programmiert ihm Liebesfähigkeit ein.
Zweiter Akt: Der echte Sohn Martin erwacht aus dem Koma, kommt nach Hause und verfolgt David mit Eifersucht. Der wehrt sich, bringt
Martins Leben in Gefahr. In einer herzzerreißenden Szene setzt ihn daraufhin die Mutter - weil sie ihn nicht einschläfern lassen will wie
einen Hund - im Wald aus; samt seinem animierten Teddybären (der wird später Wunder wirken).
Dritter Akt: David auf der Flucht. Suche nach der blauen Fee, die schon die Marionette Pinocchio in einen echten Buben verwandelte.
David schließt sich einem Gigolo-Roboter an, wird gefangen, soll zusammen mit anderen zur Verschrottung selektierten
Robotermenschen vor fanatischem Pöbel in der Arena hingerichtet werden.
Vierter Akt: Die Menschheit ausgestorben, aber David noch immer funktionsfähig. Wesen von einem anderen Stern finden ihn . . .
Mahnender Zeigefinger in stromlinienförmigem Plastik. Philosophie in geblümtem Kitsch.
Zugegeben: Haley Joel Osment besitzt das vorwurfsvollste Gesicht, seit es Kinderstars gibt. Dennoch kein nachhaltiger Eindruck.
Deshalb kommt mein Handy nach Ableben auch nicht ins Familiengrab.
Rudolf John
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