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[NEWS] [Tagebucheintrag 20. April 1996] Ich wollte den Film
"Dead
Man Walking" unbedingt sehen, nicht nur weil er gute Kritiken
und Oscars eingeheimst hat, sondern auch weil er das kontroverse
Thema Todesstrafe
und damit eine wahre Abartigkeit des Menschen - für mich -
behandelt. Laut Presseberichten wußte ich, daß der Regisseur,
Tim
Robbins, alle Seiten zu Wort kommen läßt und damit dem
Zuseher die Gelegenheit gibt, sich selbst ein Urteil zu bilden.
Nun ja, ich würde sagen, das tat er nicht. Das konnte er
auch gar nicht. Denn wer diesen Film gesehen hat, kann nicht mehr
für die Todesstrafe
sein (obwohl es schade wäre, wenn er nicht von alleine darauf
gekommen wäre). Sie ist so absolut unmenschlich, daß sie
einfach keiner, nicht einmal dieses "Schwein" Matthew Poncelet, das
Sean
Penn (zuletzt in "The Game" zu sehen)
darstellt, verdient hat. Er muß bestraft werden, zweifellos,
obwohl ich nicht glaube, daß er alleine schuld ist. Denn
schließlich mußte er irgendwie zu diesem Menschen werden.
Von Geburt an ist, schätze ich, keiner ein Mörder.
Ich verstehe, daß die Eltern der sehr jungen Opfer Rache
wollen, und daß sie den Mörder büßen sehen
wollen. Aber den Gelüsten der Eltern nachzugeben, ist wie die
Selbstjustiz auf andere Weise durchzuführen. Schließlich
wird einem Dieb nicht der Arm abgeschnitten oder der Vergewaltiger
kastriert - selbst wenn es sich viele Opfer wünschen würden.
Die Aufgabe des Gerichtes ist es, das Ereignis sachlich zu prüfen,
um jede übereilte Reaktion (Affekthandlungen) zu vermeiden und
den Täter gerecht und "sinnvoll" zu bestrafen. Nichts bringt
die ermordeten Menschen wieder, auch nicht, wenn der Mörder stirbt.
Und dann kommt diese Szene, als sich die Familie von Matthew
verabschiedet, da er demnächst hingerichtet wird. Ich meine,
man stellt sich das vor: Die Familie verabschiedet sich von ihrem
Sohn, Bruder, nicht weil er verreist, oder lange im Gefängnis
bleibt. Nein, weil er GETÖTET werden soll. Sie sind sich dessen
bewußt, daß sie ihn in diesem Augenblick zum letzten Mal
in ihrem Leben sehen. Diese Szene ist so extrem grausam, daß
man einfach nicht glauben kann, daß sie wahr ist.
Und auch da, kurz vor der Hinrichtung, als der Vorhang zwischen
Todeskammer und Zuseherraum geöffnet wird, bleibt einem ob der
Unmenschlichkeit der Atem stehen. Der Mörder ist auf einer Bahre
angeschnallt, die Spritzen stecken bereits in seinen Armen, die wie bei
einem Kreuz in einem leichten Winkel abgespreizt sind, alles Leid,
das ihm angetan werden soll, ist sichtbar - und die Bahre steht senkrecht
zum Zuseherraum. Es sieht so schrecklich aus, daß man es selbst
gesehen haben muß, um es zu begreifen.
Und von diesen Szenen gibt es noch viele, angefangen beim Leid
der Eltern der Opfer über die Tragödie des Mörders
und seiner Familie und von Schwester Prejean (gespielt von
Susan Sarandon), der wir diesen Film - das heißt die Vorlage
dazu - verdanken.
Ein Film, der es einem nicht leicht macht, gegen die
Todesstrafe zu sein, aber auch nicht umgekehrt. Wenn er die Leute nur
ein wenig von diesem Schwarzweißdenken abbringt, dann hat er
schon einen wesentlichen Beitrag geleistet... |